Knochenmarks- transplantation stoppt Symptome - Österreichische Rett-Syndrom Gesellschaft

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Knochenmarkstransplantation stoppt Symptome bei Modellen für das Rett-Syndrom

* Der Artikel wurde von „Rett Syndrom Deutschland e.V. Gemeinnütziger Verein“ übersetzt und der ÖRSG zur Verfügung gestellt. Link: www.rett-syndrom-deutschland.de
„Rett Syndrom Deutschland e.V. Gemeinnütziger Verein“  arbeitet mit „Rett Syndrome Research Trust“ zusammen.  Link: www.rsrt.org

Hier eine Filmanimation: http://vimeo.com/38697609

18.03.2012
KNOCHENMARKTRANSPLANTATION STOPPT SYMPTOME BEI MODELLEN FÜR DAS RETT-SYNDROM
Die Ergebnisse betonen die Immunkomponente bei Störungen im Autismusspektrum

Trumbull, CT, 18. März 2012 – Ein Artikel, der heute online in Nature veröffentlicht wurde, beschreibt die Ergebnisse nach Durchführung einer Knochenmarktransplantation (BMT), um fehlerhafte Zellen des Immunsystems bei Modellen des Rett-Syndroms zu ersetzen. Das Verfahren stoppte viele schwerwiegende Symptome der Störung im Kindesalter, darunter abnorme Atmung und Bewegung. Es verlängerte die Lebensspanne der Mausmodelle für Rett ebenfalls erheblich. Durch die Untersuchung der Funktion von Mikroglia entdeckten Forschungsleiter Jonathan Kipnis, Ph.D., und sein Team an der School of Medicine der Universität Virginia einen völlig neuen Ansatz zur Behandlung dieses verheerenden Syndroms. Mikroglia kann in dem Methyl-CpG bindenden Protein 2 (MeCP2), jenem Protein, das im “Rett-Gen” kodiert ist, defizitär sein. Das Projekt wurde vom Rett Syndrome Research Trust finanziert.

Das Rett-Syndrom, jenes Leiden mit der stärksten physischen Einschränkung im Spektrum der autistischen Störungen, wird durch zufällige Mutationen am MECP2-Gen ausgelöst. Die Symptome entwickeln sich durchschnittlich im Alter zwischen 6 und 18 Monaten mit dem Beginn einer beängstigenden Regression, und es sind vorrangig Mädchen betroffen. Die Kinder verlieren bereits erworbene Sprachfähigkeiten und den funktionalen Gebrauch der Hand, die Bewegung verschlechtert sich und andere Rett-Symptome kommen hinzu. Dazu gehören etwa Atemstörungen, Parkinson-Zittern, schwere Nervosität, Krämpfe, Verdauungs- und Kreislaufprobleme sowie eine Reihe orthopädischer Abnormitäten und solcher am vegetativen Nervensystem. Die meisten Kinder leben bis ins Erwachsenenalter, doch sind viele von ihnen auf den Rollstuhl angewiesen, brauchen Magensonden, können nicht kommunizieren und benötigen vollständige, lebenslange Pflege.

Kipnis wandte sich aus der Perspektive eines Neuroimmunologen dem Rett-Syndrom zu. „Wir haben aus intellektueller Neugier heraus begonnen”, erklärt er. „Daraus wurde dann ein intensives Forschungsinteresse zur Auffindung der Verbindung zwischen neurologischer Funktion und dem Immunsystem beim Rett-Syndrom. Die Auswirkungen einer Knochenmarktransplantation auf so viele verschiedene Symptome hat eine Flut von Experimenten angestoßen, die wir nun alle mit Tempo verfolgen.“

Das Hirn setzt sich im Wesentlichen aus verschiedenen Typen von Gliazellen zusammen, welche diverse und komplexe Funktionen haben. Dazu gehört beispielsweise die Aufrechterhaltung einer gesunden Umgebung für das Wachstum und die Erhaltung von Nervenzellen. Mikroglia sind kleine Gliazellen, die an der Immunabwehr des Hirns beteiligt sind. Eine ihrer Aufgaben ist die Säuberung von normalen zellulären Ablagerungen im Hirn durch einen Vorgang, der Phagozytose genannt wird. Kipnis und sein Team entdeckten, dass Mikroglia nicht in der Lage sind, diese wichtige Aufgabe effizient zu erfüllen, wenn ihnen das funktionstüchtige Mecp2 fehlt. Weil Mikroglia aus Vorläuferzellen des Immunsystems hervorgehen, kann man sie über eine Knochenmarktransplantation ersetzen.

Der erste Verfasser Noël Derecki und seine Kollegen begannen ihre Arbeit mit männlichen Mausmodellen für Rett, denen Mecp2 völlig fehlt. Die Null-Mecp2-Mäuse ahmen die menschliche Störung nach, sie haben neurologische Symptome, die ungefähr im Alter von vier Wochen auftreten und ihre Lebenserwartung beträgt nur ungefähr acht Wochen. Im Alter von vier Wochen wurde eine Bestrahlungstherapie durchgeführt, und ihr folgte eine Knochenmarktransplantation von normalen (wild lebenden) Mäusen. Als die Verpflanzung – das Wandern und Nachwachsen neuer Mikroglia – stattfand, begannen die Rett-Mäuse zu wachsen, statt eine Verschlechterung zu zeigen. Körper- und Hirngröße näherten sich denen der wilden Mäuse an, die Gangart verbesserte sich und die Mobilität wurde ebenfalls erheblich besser. Es gab keine Anzeichen für die schweren Krämpfe, wie sie bei unbehandelten Mäusen beschrieben werden. Apnoe und andere Unregelmäßigkeiten bei der Atmung hatten sich spürbar verringert. Die älteste dieser Mäuse ist jetzt fast ein Jahr alt. Die Arbeit mit weiblichen Mausmodellen für Rett in weiter fortgeschrittenen Krankheitsstadien wird gegenwärtig fortgesetzt.

Gail Mandel, Ph.D., deren Rett-Forschung sich auf Astrozyten konzentriert (ein anderer Typ von Gliazellen, die durch MECP2-Mutationen in ihrer Funktion eingeschränkt sind) sagt dazu: „Ein faszinierender Aspekt dieser Erkenntnisse sind die Daten, die nahe legen, dass Defizite der Phagozytoseeigenschaften von Mikroglia einen entscheidenden Punkt bei der Neuropathologie von Rett darstellen. Es ist jetzt nötig, zelluläre Analysen zu entwickeln, um alle Wege zu erkennen, auf denen diese Immunzellen neuronale Funktionen unterstützen und ob diese auf therapeutischem Weg geschützt werden können.“ Dr. Mandel ist leitende Wissenschaftlerin am Vollum Institute und Professorin am Fachbereich für Biochemie und Molekularbiologie der School of Medicine an der Oregon Health & Science-Universität sowie Wissenschaftlerin am Howard Hughes Medical Institute.
Monica Coenraads, geschäftsführende Direktorin des Rett Syndrome Research Trusts, fügte hinzu: „Ich stand fast täglich im Kontakt mit Dr. Kipnis, seit er dem RSRT diesen sehr originellen Vorschlag gemacht hatte, und es faszinierte mich zu sehen, wie das Voranschreiten dieses brutalen Leidens auf seinem Weg stoppte. Eine Frage, die sich jetzt natürlich stellt, ist, ob ein Ersetzen der schadhaften Immunzellen durch gesunde Mikroglia über eine Knochenmarktransplantation nun auch bereits vorhandenen Symptome bei Menschen stoppen oder lindern kann. Wir kennen einen Fall, wo ein Mädchen mit Rett-Syndrom bei einer Leukämiebehandlung bemerkenswerte Kommunikationsfähigkeiten erlangte. Sie erhielt eine Knochenmarkspende und konnte sich danach zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihrer Mutter sprechen. Der RSRT erforscht gegenwärtig die Knochenmarktransplantation als Behandlungsweg, wobei man sich der ernsthaften Risiken eines solchen Versuchs voll bewusst ist. Bei der Forschung gehen wir Risiken ein. Bei der klinischen Anwendung sind wir konservativ und untersuchen dies vorsichtig, bis mehr Information zur Verfügung steht.“

Noël Derecki ergänzt: „Unsere ermutigenden Ergebnisse weisen darauf hin, wie überraschend beeinflussbar sich diese ernsthafte Störung erweist, zumindest im Labor. Wir versuchen gegenwärtig herauszufinden, wie eine Knochenmarktransplantation sich eventuell auf Rett-Symptome auswirkt, sobald diese weiter fortgeschritten sind, und ob es weitere effektive Wege gibt, um Immunreaktionen und Folgeeffekte im Zentralnervensystem zu verändern.“

Der von Noël C. Derecki, James C. Cronk, Zhenjie Lu, Eric Xu, Stephen B.G. Abbott, Patrice G. Guyenet und Jonathan Kipnis verfasste Artikel trägt die Überschrift Wildtyp-Mikroglia stoppen Krankheitsverlauf bei Mausmodell für das Rett-Syndrom (Original: Wild type microglia arrest pathology in a mouse model of Rett Syndrome). doi:10.1038/nature10907


Über den Rett Syndrome Research Trust
Der Rett Syndrome Research Trust ist die erste Organisation, die sich ausschließlich der globalen Forschung zum Rett-Syndrom und damit verbundenen MECP2-Störungen widmet. Unser Ziel ist, Kinder und Erwachsene zu heilen, die andernfalls für den Rest ihres Lebens an den Auswirkungen dieser Störung leiden würden. Um mehr über den Trust herauszufinden, besuchen Sie bitte www.rsrt.org

Unsere Partner bei der Unterstützung dieser Arbeit sind Elternverbände weltweit, darunter der Rett Syndrome Research Trust UK, die Rett Syndrome Research & Treatment Foundation (Israel), die Skye Wellesley Foundation (UK), Stichting Rett Syndrome (Holland), Rett Syndrom Deutschland e.V. und Amerikanische Organisationen sowie die Kate Foundation for Rett Syndrome Research, Girl Power 2 Cure und die Rocky Mountain Rett Association.

Für die Praxis

Da MECP2-Mutationen meistens de-novo (also spontan) entstehen, haben Brüder und auch Schwestern eines Mädchens mit Rett-Syndrom KEIN erhöhtes Risiko gegenüber der allgemeinen Bevölkerung, selbst Kinder mit Rett-Syndrom zur Welt zu bringen. Diese Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 1:10.000. Die Möglichkeit einer Genanalyse gesunder Schwestern eines Mädchens mit einer nachgewiesenen MECP2-Mutation soll in Rahmen einer genetischen Beratung individuell erörtert werden.

Vererbung

Die Vererbung (auch: Heredität, abgeleitet von lat. hereditas für „Erbe“) ist in der Biologie die direkte Übertragung der Eigenschaften von Lebewesen auf ihre Nachkommen, soweit die Informationen zur Ausprägung dieser Eigenschaften genetisch festgelegt sind. Die Übertragung von Fähigkeiten und Kenntnissen durch Lehren und Lernen ist hiervon zu unterscheiden und wird nicht als Vererbung bezeichnet.

Die Wissenschaft, die sich mit der biochemischen Informationsspeicherung und den Regeln ihrer Übertragung von Generation zu Generation befasst, ist die Genetik. Die genaue Beschreibung der Vererbung einer Eigenschaft wird als Erbgang bezeichnet.

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Meduni Wien



Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Wien am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien

Unser zentrales Anliegen ist die Behandlung von schwer kranken und chronisch kranken Risikopatienten aller Altersstufen, vom kleinsten Frühgeborenen bis zum Jugendlichen durch unsere spezialisierten MitarbeiterInnen nach den Prinzipien der „evidence based medicine“.

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